Platte der Woche #336


23/04/2017 · Julius Herfurth · Kategorie: Platte der Woche ·

jungelknugen

Sobald es in unseren Breitengraden langsam aber stetig wärmer wird und die ersten Tage jenseits der 15 Grad Außentemperatur unserer mitgeschleppten Winterdepression den Kampf ansagen, wünscht sich der durchschnittliche techno-affine Mitteleuropäer umgehend die Sommer- und Festivalsaison herbei, um seine tiefgefrorerenen Knochen endlich wieder bei diversen Open-Airs herumzuschleudern und zwar am liebsten bei Sonne: satt! Eine spitz formulierte These könnte postulieren, dass sich parallel zum Wetter im Frühling auch die Art der Musik verändert, welche die Leute gern hören würden. Ich behaupte jetzt einfach mal: das ist gar nicht so fern ab der Realität. Schließlich mussten wir fast ein geschlagenes halbes Jahr in Kellern oder geschlossenen Clubs verweilen, wo es keine Sonnenaufgänge gab, kein “Rumchillen” im Gras und schon gar keinen wirklichen Luftmassenaustausch. Was dazu führte, dass wir die Klamotten, nachdem wir zu Hause angekommen waren, erstmal auf den Balkon stellen mussten, da so ein Aschenbecheraroma nun wirklich kein Verkaufsschlager im Raumerfrischungssegment ist und sich wohl auch nicht zu diesem entwickeln wird.

Wird es wärmer, will ich Groove und warme Rhythmen. Und glücklicherweise scheint es vielen anderen genauso zu gehen, seien sie nun Konsument oder Produzent. Der abklingende Winter des Jahres 2017 brachte eine Traumpaarung zweier Musiker hervor, deren Namen als Synonyme für “tanzbar” und “gute Laune” stehen könnten. Dass ihre Musik soviel Wärme und Kraft ausstrahlt, scheint ungewöhnlich, denn der eine stammt aus Norwegen und der andere aus Großbritannien: zwei Länder, die wohl nicht sehr weit oben auf einer Liste hitze-gesegneter Staaten dieses Planetens auftauchen. Die Rede ist von Todd Terje und Four Tet. Nu-Disco trifft Experimental-House und das reicht für unseren neusten “Track der Woche”, denn leider kann die B-Seite der heutigen Scheibe meineserachtens getrost ignoriert werden. Das ist aber nicht schlimm, denn Four Tets Remix zu “Jungelknugen” reicht für zwei!

Ein Original zum Remix gibt es nicht, denn Terje hat den Track, der als Inspiration und Schablone herhielt, bis dato nicht veröffentlicht. Es drängt sich jene musik-philosophische Frage auf, ob ein vor dem Original gepresster Remix nicht den eigentlichen Platz des Ursprungstracks einnimmt, denn alles, was im Nachhinein dazu veröffentlicht wird, wird sich wohl oder übel daran messen lassen müssen. Am Ende ist es ja auch vollkommen gleich, ob das Ei oder das Huhn zuerst da war. Denn das, was ist, hat Instant-Classic-Charakter. Es wirkt als wolle Four Tet die langsame Gangart des Frühlings in Töne verwandeln und beschert uns somit ein beinahe 2 Minuten andauerndes Intro, indem sich ein hypnotisches Arpeggio immer klarer in den Vordergrund unseres Gehörgangs schraubt und die innere Anspannung auf das, was wohl danach kommt, bis zur Unerträglichkeit anheizt. Als wir gerade denken: “Junge, jetzt musst du aber auch liefern!”, da zerplatzt die Blase in einem handwerklich großartigen Drop und klatscht uns eine jazzig, funkige Bassline um die Ohren, die unseren Beinen unmissverständlich klarmacht: “Jetzt wird sich bewegt, mein Freund!”. Selbst diejenigen unter uns, die eher sparsam mit “Jawoll” oder den typischen Rave-Pfiffen sind, werden hier versucht sein, ihrer Freude durch Szenenapplaus Ausdruck zu verschaffen und bei diesem Meisterstück ist dies auch gänzlich angemessen. Mit so einem Brett kann der Sommer kommen!

Also: Wie eine brasilianische Tanzlehrerin einst zu mir sagte: “Mussen Huffte beweggen”! Reingehauen und neugierig bleiben!

Bis zum nächsten Mal,

der Julius von Solid Rotation

Todd Terje – Jungelknugen Remixes

Label: Olsen – OLS017
Format: 12″
Country: Norway
Release Date: 23.02.2017
Genre: Electronic
Style: Deep House, Nu-Disco



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